Rede von Prof. Wulf Schomer
anlässlich der Ausstellungseröffnung am 28. Februar 2026
im Windloch, Martinikirchhof 10, Minden
Es wird kaum einen Menschen in Minden geben, der nicht schon mehrmals an Doris Richtzenhains Bronze-Portrait-Büste von Friedrich Wilhelm Bessel vorbeigekommen wäre. Sie steht unterhalb von uns mitten auf der Martinitreppe und blickt mit großen, weitaufgerissenen Augen nach Osten.
Leicht zurückgelehnt, vermag sie auf diese Weise himmelwärts
zu schauen, um Kontakt aufzunehmen zu jenen Gestirnen, deren Positionsdaten er wie kein anderer vor ihm sammelte:
Es waren Daten von ca. 75.000 Sternen.
Im Unterschied zu anderen Portraitbüsten von Bessel, z.B. zu der am Telegrafenberg in Potsdam stehenden Bronze-Büste von Hans Weddo von Glümer aus dem Jahr 1895 – Bessel starb 1846 in Königsberg und wurde 1784 in Minden geboren – hat das Bronzeportrait von Doris Richtzenhain keinerlei pathetische oder heldische Züge! Seine Gesichts-Formen sind eher weich, zart, fragend und sehr sensibel gestaltet.
Wenn Glümers „Besselblicke“ (in die Ferne) männlich stark wirken und einen vitalen Mann in den „besten Jahren“ zeigen, dann formt Richtzenhain eher ein verwundertes STAUNEN und ein von innen nach AUSSEN dringendes, bewunderndes Befragen jener universalen WELTALL-PHÄNOMENE und ZUSAMMENHÄNGE.
Sie zeigt ihn in jungen Jahren, er wurde ja in Königsberg mit 26 zum Professor für Astronomie berufen.
Wie andere ihrer Bronzen, war auch diese eine Auftragsarbeit, aber das schmälert nicht ihre Qualität! Mit ihrer bildhauerischen INTENTION nimmt Doris Kontakt auf zum INNEREN dieses MENSCHEN. Mit ihrem „ICH“ dringt sie in jenes „DU“ ein und wird auf diese Weise deshalb auch ein Teil des „DU“. Ich und Du treten in Beziehung miteinander.
Der Philosoph Martin Buber hat in seinem Werk „Ich und Du“ darauf verwiesen, dass den anderen als DU entdecken, auch das ICH verändert. (1995) „Das Grundwort ICH – DU stiftet die Welt der Beziehung“ und „BEZIEHUNG ist GEGENSEITIGKEIT…“ Diese Empfindung für ANDERE, diese EMPATHIE, kennzeichnet viele ihrer portraitbezogener Arbeiten, seien sie als Bleistift-Skizze, Tuschzeichnung oder als Plastik realisiert. Auch spüren wir sie in körperbezogenen Aktzeichnungen und Aktmalereien. Niemals sind diese nur rein akademisch, anatomisch begriffene Studien, nein! Immer geht es ihr um mehr: Der NACKTE Mensch in seiner Verletzlichkeit, mit existenziellen Ängsten, in all der Zerbrechlichkeit, und mit seinen Emotionen …
Doris‘ letzte zusammenhängende Bildsequenz steht unter dem Titel: „Ecce homo“ – „Siehe, der Mensch“. Er stammt aus dem Johannesevangelium, in dem Pilatus mit diesem Ausspruch Jesus preisgegeben hat. Für Doris Richtzenhain wird gerade dieser leidende Mensch zum Generalthema. Sie beginnt damit in den frühen 1990er Jahren.
Von 14 existentiellen Situationen, „Leidensstationen“, konnten wir hier im Kontext
einer kleinen Querschnittsausstellung nur drei hängen: Auf einfachen Packpapier-Gründen sehen wir den stürzenden Körper einer Frau, angedeutet und das ganze Format beanspruchend. Ihr Kopf nach unten gebogen, vereinfacht und ohne mimische Merkmale. Hinter ihrer hängenden linken Brust ein leuchtender karminroter Fleck über einer schwärzlichen Tiefe. Die Farbe des Blattes, eigentlich vital und lebensnotwendig, taucht als Zeichen der Verletztheit zwischen ihren Schenkeln wieder auf. Neben ihr eine nur angedeutete, aber aufgerichtete Männerfigur …
Im „Du“ der Stürzenden und Verletzten wirkt das „Ich“ der Künstlerin mit. „Siehe, der Mensch“. Dass jene zweite Figur nicht mitstürzt, könnte sie in die Rolle eines an jenem Geschehen nicht Unbeteiligten versetzen. Ob das allerdings so ist, bleibt hier die Frage.
Aus der Mitte der 14teiligen Bildfolge, die an Kreuzweg-Stationen angelehnt ist, habe ich eine weitere Leidensstation ausgewählt.
Mit wenigen Sienatönen ist eine Frauenfigur schemenhaft, fleckhaft gesetzt. Heftige, schwarze Pinselhiebe deuten den nackten Oberkörper mit Brüsten und wieder mit einem bogenförmig nach unten gefallenen Kopf „piktogrammartig“ an. Ihr lebloser Leib scheint an beiden Armen aufgehängt, der Bauch ist gewölbt und bewirkt als Konnotat das Schwanger-Sein einer auf grausame Art Getöteten…
Welche schrecklichen Urängste tuen sich hier auf? Welche fürchterlichen Realitäten, wie wir es täglich erfahren, immer wieder zu unseren Leben gehören können…
Sie sind für die Malerin die Motivation zu jenen ausdrucksstarken Arbeiten.
In einer anderen Arbeit aus dem Ecce-Homo-Zyklus lässt sie einen nur noch in einem dahingewischten umbragrau erahnbaren Körper sich völlig auflösen; wenige fragmentarische rötliche Formlinien deuten an, wo einmal etwas Körperhaftes existierte…
Ein Endzustand ist erreicht, Hoffnungslosigkeit wird vermittelt, wäre da nicht am Ende der Folge das Bild des Gekreuzigten Christus mit der Friedenstaube über seinem Kopf, welches Erlösung ankündigt.
Der gesamte Zyklus war letztmalig im Jahr 2009 während der Passionszeit in der Marienkirche zu sehen.
Im Jahr 2000 – also 8 Jahre nach der Arbeit am Zyklus – erlitt Doris Richtzenhain eine schwere Gehirnblutung, an deren Folgen sie 2007 starb.
Blicken wir im Rahmen dieser räumlich ja sehr begrenzten Präsentation auf Teile ihres Gesamtwerkes, so bieten sich uns viele sehr unterschiedliche Perspektiven. Richtzenhain war ursprünglich an der damaligen Werkkunstschule in Bielefeld zur Grafik-Designerin ausgebildet worden. Was bedeutete, dass ihr Studium sehr anwendungsorientiert und berufsbezogen war. Demgemäß arbeitete sie zunächst mehrere Jahre lang als sogenannte „Gebrauchsgrafikerin“ freiberuflich in Minden. Diese Berufstätigkeit aber genügte ihrem impulsiven und stets auf neue künstlerische Erfahrungen ausgerichteten innerem Wesen nicht! Zwar erfüllte sie vielerlei Aufträge, aber ihre, jenem freien Künstlerischen gegenüber stets offene und neugierige Haltung ließ sie einen anderen Weg einschlagen. In unserer kleinen Kabinettschau sehen wir sehr verschiedene stilistische Bildartikulationen. Von etwa 700 kleinen Fotografien ihrer Arbeiten, angefangen von kleinen Skizzen bis zu ausgeführten Bespielen, habe ich ca. 20 ausgesucht, die einige Schwerpunkte markieren können.
Besonders augenfällig sind jene südlichen Landschaftszeichnungen,
die Doris im Jahr 1989 mit der Feder zeichnete. Diese zeigen ihre besondere grafische Neigung und Begabung, die hier sowohl in der Auseinandersetzung mit der Topografie südlicher Landschaften als aber auch ganz spezifisch in der kompositorischen Freiheit und gleichzeitigen grafischen Durchstrukturierung ihrer Motive vorhanden ist.
Sie „sieht“ diese spanischen Landschaften, charakterisiert sie in Licht, Schatten und in ihren Strukturen; und gleichzeitig entdeckt sie in ihnen und – typisch für Doris – mit ihnen die Möglichkeiten sehr persönlicher, großzügiger Bildfindungen.
Hier ist sie ganz sie selbst mit ihrem grafischen „Wesen“, sie ist ein Teil dieser Landschaften geworden, zusammen mit ihnen, nicht im bloßen Gegenüber zu ihnen.
Um den anfänglichen Faden vom Ich im Du noch einmal aufzunehmen: Das grafisch orientierte und sie in den meisten Arbeiten auch beherrschende „grafische Wesen“, bestimmt ihr „Ich“ und fließt mit hinein in das „Du“ dieser Landschaftszeichnungen …
Neugierig was sie, „gierig“ auf Künstlerisches und interessiert an den Menschen, den Künstlern,
die ihr zu „Wegmarken“ wurden: Sie entwickelte Beziehungen zu Künstlern in unserer Stadt und aus Bielefeld. So zum Beispiel zum Maler der fließenden Farbmaterie Wechterstein mit seinen empfindsamen Aquarellen von norddeutschen Landschaften, die sie tief beeindruckten … dann zum exemplarischen Vertreter von Abstraktion und Konkretion, Arnold Willings; hier sehen Sie zwei kleine flächenhafte Form-Konkretionen von ihr im Treppenhaus. Zu Herbert Wilmsmeyer, meinem Bielefelder Kollegen, der, fußend auf der Lehre Cezanne’s, einen eigenständigen malerischen Beitrag zur klassischen Moderne entwickelte. Er gab ihr Impulse zur Landschaftsmalerei (oberer Raum), die sie weiterentwickelte, zum (magischen) Realisten, Benno Kersting, und schließlich zum Plastiker und Zeichner Rommerscheid aus Bielefeld, von dem sie wichtige Impulse z.B. zu ihren plastischen Arbeiten erhielt. Wir sehen dort im zweiten Kabinett in der Raumecke ein völlig anderes Frauenbild als im Ecce-Homo: In archaischer Strenge und klassisch-moderner Reduziertheit steht dort ein Frauenakt in der Schönheit ineinanderfließender Formen, ein Torso aus dem Jahr 1988.
Noch stärker verdichtet und reduziert: die kleine Bronze hinter mir. Dann die abstrakte Winkelform aus konkav und konvex gebogenen Formelementen, ebenfalls von 1988, losgelöst von allem Figürlichen – in völliger Selbstständigkeit der Form!
Und,
was charakteristisch war für Doris, dass sie, nachdem sie sich ihre Lehrer in Malerei, Grafik, Plastik selbst gesucht hatte, eines Tages in Blankenese vor der Tür eines zeichnerischen „Genies“ stand, um sich von ihm beraten zu lassen: Horst Janssen!
Wie weit nun diese Beziehung reichte, entzieht sich meiner Kenntnis. Es existieren zwei Portraitzeichnungen von ihr zu Janssen und der „Grafik-Gigant“ Janssen ließ Doris einige Grafiken in sein Skizzenbuch zeichnen … Eine hohe Ehre, von Janssen beraten zu werden!
Diesen Erfolg verdankte sie ihrer absoluten Offenheit, ihrem Charme, ihrem Durchsetzungsvermögen, welches sie im kleinen Minden auch in öffentlichen Angelegenheiten gelernt hatte, anzuwenden und natürlich ihrer künstlerischen Neugier, die manchmal für Andere auch anstrengend sein konnte …
Letztendlich führte sie ihr forschendes Suchen nach der Verarbeitung verschiedenster künstlerischer Impulse zur völligen Abstraktion und zur Lösung von all jenen Wirklichkeiten, mit denen sie sich Jahrzehntelang auseinandergesetzt hatte.
Hier als „Schlusspunkte“ zu sehen … zwei Leinwandmalereien (und ein Bild oben), die nur noch aus gegenstandsfreien Farbformen, Farbflecken und offenen Farbräumen bestehen … letzte Arbeiten, die im Jahr 2000 durch einen plötzlichen Gehirnschlag völlig abgebrochen wurden.
Im Alter von 60 Jahren endete damit die künstlerische Arbeit, es ist nicht einzuschätzen, wie sie sich weiter entwickelt hätte … Es bleibt nur die Erinnerung und unsere Freude über die Art und Weise, wie Doris durch diese Ausstellung und durch ihr Wirken in uns weiterlebt: Denn alles das geschah aus Liebe, aus Liebe, Neugier und leidenschaftlichem Engagement!