Doris Richtzenhain
ECCE HOMO
Späte Entwürfe 1992 – 1993
„Ecce homo“ – „Schaut her, der Mensch!“
Dieser Ausspruch von Pontius Pilatus über den gegeißelten Christus vor seiner Verurteilung zum Kreuzestod steht als Titel über der Serie der späten Entwürfe der Mindener Künstlerin Doris Richtzenhain.
14 Bilder – wie die Stationen eines modernen Kreuzweges – befassen sich mit dem leidenden und sterbenden Menschen.
Die einzelnen „Stationen“ gehen von einer fast heroischen Haltung über Hingabe, Sexualität, Leid und Leidenschaft zur Erniedrigung, Zerstörung, Auflösung und Opferung des Menschen und seines Körpers.
Schmerz, Opfer und Tod werden schließlich universell. Vor düsterem Hintergrund hält ein weiblicher Gott den Menschen wie sein geopfertes, verhungertes und gekreuzigtes Kind. Und wenn der Mensch stirbt, stirbt zuletzt auch Gott.
Die beiden letzten Bilder tragen gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung. Im Zeichen des Kreuzes strahlt über dem toten Körper der Frau ein neues Kind. Und über dem Gekreuzigten vor den Toren der Stadt am Fluss (Minden?) fliegt der Feuervogel, als Symbol des Geistes und der Auferstehung.
Zunächst einmal: Das sind alles keine fertigen Arbeiten,
sondern wie auf Packpapier hingeworfene Zeichnungen mit Kohle und Farbe. Die Welligkeit des Papiers zeigt noch die Reaktionen auf das Wasser. „Späte Entwürfe“ haben wir diese Arbeiten genannt, denn sie wirken wie Vor-Studien zu einem skulpturalen Thema, wie das Suchen nach plastischem Ausdruck für körperliche Hingabe, Leid und Schmerz.
Trotzdem sind diese Arbeiten mehr als nur Skizzen. Die Künstlerin selbst hat die meisten von ihnen signiert und mit Jahreszahl versehen. Das zeigt, dass sie sie als Erschafferin schon gelten lassen konnte. Und so sehen wir vor uns eine geschlossene Serie aus einer Schaffensperiode von knapp zwei Jahren.

In Minden kennt man Doris Richtzenhain vornehmlich als Malerin, Graphikerin, Bildhauerin und auch Pädagogin, deren Themen Natur, Stilleben, Landschaften, Architektur und Portraits waren. Aber schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, bevor sie nach Berlin ging, um dort noch einmal zu heiraten, wandte sie sich, wie wir hier sehen, dem Menschen und dem menschlichen Körper zu.
Doris Richtzenhain, wie wir sie aus ihrer Mindener Zeit kennen, war ja nicht nur ein äußerst sozial, sondern – wenn es sein musste – auch sozial kämpferisch eingestellter Mensch.
Und so wird – ganz konsequent – der Mensch und der menschliche Körper in seiner Sehnsucht und Hingabe, aber vor allem auch in seiner Angst, Trauer und Not ein künstlerisches Thema ihrer späteren Arbeiten.
Was wir hier sehen, ist ein kleiner zusammenhängender Ausschnitt, der ganz folgerichtig und mutig hinabschaut in die Tiefen – oder sagen wir – in die Abgründe unserer menschlichen Existenz. Auch wenn wir – das ist ein ganz natürlicher Reflex – gerne wegsehen, ein ernsthafter Künstler setzt sich diesem, wenn er es nicht ohnehin am eigenen Körper erfährt, immer wieder aus: Die Welt und unser menschliches Leben ist offensichtlich im Innersten zerbrochen. Täglich erfahren wir dieses durch Krankheit und Tod und durch die Nachrichten von Hunger, Krieg und Verfolgung. Doris hatte an eines der hier gezeigten Entwürfe einen inzwischen ausgegilbten Zeitungsartikel geklebt, auf dem ein Foto eines kleinen nackten Kindes aus Afrika abgebildet war, das uns mit entsetzten Augen und vor Hunger aufgetriebenem Bauch ansah. Erschreckendes Einzelschicksal und gleichzeitig Grundbild unserer menschlichen Existenz in einer angeblich so fortschrittlichen fortgeschrittenen Welt.
Der Künstler schaut dort nicht weg.
Wir finden das Hungerkind in diesen Arbeiten wieder. Diese allgemein gültigen Bilder sind seine Welt. Vielleicht ist ein Künstler sensibler als wir. Die äußere Welt ist seine eigene Welt. Und das macht die Sache für ihn nicht leichter. Und für uns beim Betrachten nicht angenehmer. Doch Gewöhnung ist ja – auch in einer Kirche, wo wir uns an den Anblick eines Kreuzes vielleicht schon gewöhnt haben – gar nicht die Absicht.
Wir sehen in dieser kleinen Präsentation, die wir „Ecce homo“ genannt haben – „Schaut her: der Mensch“ –, wie Doris Richtzenhain mit dem Thema ringt, 
und wie sie um eine allgemein gültige Formensprache kämpft. Oft hat sie bestätigt, was viele Künstler auch bei ganz anderen, vielleicht fröhlicheren Themen immer wieder erfahren: „Der Schaffensprozess selbst ist quälend.“ Und das liegt nicht nur daran, dass sie das Einfache sucht, das Grundlegende, das nur mit möglichst wenig Strichen und möglichst spärlichen Mittel auszudrücken ist. Eine „arme Kunst“ möchte man sagen, Packpapier und ein bisschen Kohle, Wasser und Farbe, dem existentiellen Sujet entsprechend. Und wie von selbst kommt die Künstlerin auf Ausdrucksformen und Motive, wie wir sie immer schon kennen.
Am Grunde unserer Seele ruhen Bilder, die uns allen gemein sind. „Archetypen“ möchte man sie nach C.G.Jung fast nennen, eine Schicht, die uns allen gemein ist. Der Künstler versucht, diese Bilder zu heben. Und wenn sie in Form und Aussage etwas zeitlos Gültiges haben, nennen wir sie „klassisch“, ob sie nun aus der Antike oder der Moderne stammen, ob sie sich nun einer christlichen oder aus der Mythologie gespeisten Ikonographie bedienen. Wenn wir zurückschauen, tauchen die Formen und Themen immer wieder auf: Matisse, Picasso oder auch Francis Bacon könnte man nennen, unzählige Künstler, Rodins Aquarelle und Zeichnungen … je mehr ein Künstler, eine Künstlerin, sich mit Urthemen befasst, um so stärker greifen sie auch auf die Urformen zurück.
Gleich das erste Bild links
unser an den Kreuzweg der Fastenzeit angelehnten Reihe (zweimal von oben nach unten) zeigt in Ausdruck und Form den klassischen Helden. „Ecce homo – Schaut her, den Menschen,“ möchte man sagen, ein männlicher Körper, in heroischer Pose, vielleicht schon leidend, … der gefesselte Prometheus, … an den Marterpfahl gestellt.
Es folgt eine Abfolge von Wildheit, Hingabe, Erotik, – zentaurisch, pferdeähnlich, körperlich; aber überall ist die Leidenschaft schon deutlich mit Schmerz gepaart. Das Opfer und schließlich die Zerstörung und Auflösung des Körperlichen drängen sich immer mehr ins Bild. Und immer wieder der Marterpfahl, der aufgehängte und zerschlachtete Körper.
Ja, wir hatten das alles und wir kennen das. Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Vom Gaskrieg bis Ausschwitz, von Ausschwitz bis Vietnam, von Vietnam bis Biafra. Und auch die kleinen Katastrophen, die uns hier täglich begegnen, und an denen Doris Richtzenhain auch in Minden nicht vorbeigesehen hat, vom Bahnhof zur Bäckerstraße, und von der Bäckerstraße zur Schlagde, und sich kraftvoll eingesetzt hat. In den Kirchen und mit den Kirchen (St. Marien und Dom) und gegen manchen Widerstand in Ämtern und Stadt engagiert sie sich persönlich, konkret und vor Ort. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Doris Richtzenhain schaut tiefer und weiter. In ihren späten Entwürfen benutzt sie schließlich ikonographische Formen, die wir schon aus dem frühen Mittelalter kennen. Aber sie baut sie um und schafft damit etwas Neues. Draußen vor der Mindener Marien-Kirche, am Anfang der kleinen Treppe hinab zum Marienwall, ist in die Mauer eine kleine Stein-Pietá eingelassen. Ein altes Bild. Das gestorbene Kind auf dem Schoß der trauernden Mutter. Keine Madonna mit Kind, sondern der gemordete Christus auf dem Schoß von Maria.
Das Mittelalter kannte neben der Pietá, der trauernden Mutter um ihren verstorbenen Sohn, noch eine andere Bildform, den sogenannten „Gnadenstuhl“. Gott Vater hält Christus am Kreuz, der leidende hingebende Gott, manchmal trinitarisch ergänzt durch das Symbol der Taube. Gott leidet. Der Theologe Hans Urs von Balthasar sagt: Wenn Christus stirbt, stirbt Gott insgesamt, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Es ist nicht nur ein Stellvertreter-Tod, sondern der Tod überhaupt.
Wenn Christus ermordet wird, 
wird Gott insgesamt ermordet. Und das geschieht täglich. Doris Richtzenhain vermischt ikonographisch sozusagen Pietá und Gnadenstuhl. Gott Vater wird zu Gott Mutter, einmal klassisch schön und einmal selbst vom Tod befallen, und diese Gott Mutter hält – schon in der Mitte der Bild-Reihe sehen wir eine aufgehängte, gemarterte und wahrscheinlich schwangere Frau – diese Gott Mutter hält ihr eigenes kleines gekreuzigtes Kind. Mager, verhungert, fast skelettiert. Das Kreuz als Dreh- und Angelpunkt hinter den Erscheinungen der Welt. So sehen wir das vorletzte Bild. Im Schwarz-weiß-Kontrast mit nur noch wenig Rot 
über der Welt stehend. Basis des Kreuzes – die Erde – ein hingesunkener Frauenkörper. Und im Angelpunkt des Kreuzes, fast schon segnend, nicht mehr leidend, nur angedeutet, ein Baby. Wer Doris Richtzenhain kennt, weiß wie nah diese Bilder an ihrem ganz persönlichen Schicksal liegen, zurück- wie vorausschauend Verlust, Tod und Hoffnung ausdrücken. Aber ein Kunstwerk ist mehr als nur das Leben eines Künstlers und geht über ihn hinaus. Es ist für Viele oder Alle gültig, politisch, spirituell. Schauen Sie einmal auf das drittletzte Bild. Dort sehen wir Krieg, Vernichtung und schwelende Flammenbrunst. Welch ein Unterschied zum letzten Bild. Symbol und Farbe sind verändert, nach oben gestiegen.
Das letzte Bild zeigt den Gekreuzigten in Schwarz-und-weiß-und-grau-Manier. Doch über seinem Kopf die Feuertaube als Geist- und Phoenix- und Auferstehungssymbol. Mag die Stadt am Fluss hinter dem Gekreuzigten – wir erkennen Häuser, eine Brücke, eine Kirche, vielleicht ist es Minden – mag diese Stadt noch unter Krieg, Depression und Hunger leiden, zum ersten Mal steht die Farbe Rot in Doris Richtzehains späten Entwürfen nicht mehr nur für Blut und körperlich-seelisches Leid, sondern sie verkündet das Feuer der Hoffnung, Zukunft und Neues Leben.
